Sumer und Akkad: Urbarmachung des Landes


Sumer und Akkad: Urbarmachung des Landes
Sumer und Akkad: Urbarmachung des Landes
 
Der fortwährende Druck der arabischen Tafel gegen den südwestlichen Teil des asiatischen Kontinents hatte im Laufe von Jahrmillionen nicht nur die Auffaltung eines lang gestreckten Kettengebirges, des Zagrosgebirges im heutigen südwestlichen Iran, zur Folge, sondern auch die Absenkung des direkt davor liegenden Gebiets. Im nordwestlichen Teil des Mesopotamischen Trogs bildeten sich im Laufe der Zeit die Flusssysteme von Euphrat und Tigris mit ihren Nebenflüssen heraus, im weiter abgesenkten südöstlichen Teil entstand vom Indischen Ozean her der heutige Persische Golf. Mit ihren Ablagerungen füllten die Flusssysteme allmählich einen Teil dieser Senkungszone aus, sodass im Süden des heutigen Irak eine Schwemmebene entstand, die sich nach Südosten hin immer mehr in den Golf hinein vorschob. In dieser lang gestreckten Schwemmebene entfaltete sich in der zweiten Hälfte des 4. Jahrtausends v. Chr. die früheste städtische Hochkultur. Nach den Hauptbevölkerungsgruppen, den Sumerern und den semitischen Akkadern, wird diese Gegend als das Gebiet von Sumer und Akkad oder nach der späteren langjährigen Hauptstadt Babylon als Babylonien benannt.
 
In den angrenzenden bergigen Gebieten hatte sich bereits im 8. Jahrtausend v. Chr. der Übergang von den Jägern und Sammlern zur sesshaften Lebensweise vollzogen. Die Fruchtbarkeit des Bodens und die reiche Versorgung mit Niederschlägen lieferten die Grundlage für eine ständige Zunahme der Bevölkerung. Die Notwendigkeit, das Zusammenleben der immer größer werdenden Gruppen zu organisieren, führte hier in den nachfolgenden Jahrtausenden zur Ausbildung von komplexen wirtschaftlichen, sozialen und sicher auch politischen Strukturen. Gegen Mitte des 4. Jahrtausends v. Chr. hin finden wir etwa im östlich benachbarten Tiefland des heutigen Khusistan kleinere Städte mit 3000 bis 4000 Einwohnern.
 
Babylonien hatte an dieser frühen Entwicklung so gut wie keinen Anteil. Nur sehr vereinzelt finden sich dort Spuren kleiner Siedlungen an offensichtlich von der Lage her bevorzugter Stelle. Vermutlich war die Schwemmebene so sehr von Sümpfen beherrscht oder durch die jährlichen Überschwemmungen der Flüsse gefährdet, dass nur an sehr wenigen Orten eine Dauerbesiedlung möglich war. Nach der Mitte des 4. Jahrtausends wurde aber innerhalb kurzer Zeit die Ebene von Norden her fortschreitend besiedelbar, wie an der Vielzahl von Siedlungen ablesbar ist, die zu dieser Zeit neu entstanden. Die Vermutung, dass dieser Prozess mit einer Veränderung der Wassersituation zusammenhängen könnte, wird durch Beobachtungen gestützt, die auf eine Klimaveränderung in dieser Zeit hindeuten. Eine leichte Temperatursenkung hatte zur Folge, dass aufgrund der geringeren Verdunstungsrate die Niederschläge in den Quellgebieten der Flusssysteme abnahmen, sodass sich die durch die Überschwemmungen bedingten Beeinträchtigungen verringerten. Da jenseits der großen Flussläufe das Land vermutlich noch von zahllosen kleinen Wasserläufen durchzogen war, konnten die nun angelegten Anbauflächen ohne Schwierigkeiten mit Wasser versorgt werden; eine solche künstliche Zuführung von Wasser war notwendig, weil die babylonische Schwemmebene zu allen Zeiten außerhalb des Bereichs lag, in dem Pflanzenanbau mithilfe von Niederschlägen betrieben werden konnte.
 
In diesen Jahrhunderten des ausgehenden 4. Jahrtausends v. Chr. müssen in Babylonien wahrhaft paradiesische Zustände geherrscht haben, die auch die rasche Ausbildung der frühen städtischen Kultur in diesem Gebiet ermöglichten. Vor Überschwemmungskatastrophen herrschte relative Sicherheit, der fruchtbare Boden der Schwemmebene garantierte zusammen mit der guten Wasserversorgung mehrere Ernten pro Jahr. Die Klimaverschiebung dauerte allerdings an; was sich zunächst segensreich ausgewirkt hatte, wurde nun zunehmend zur Bedrohung. Denn der fortwährende Rückgang des Wassers in den Flüssen zog Schwierigkeiten insbesondere für die Gebiete fernab der großen Flüsse nach sich. Letztlich wurden dort die Bewohner vor die Wahl gestellt, entweder die Felder und damit auch die Siedlungen aufzugeben, oder Kanäle zu bauen, mit deren Hilfe Wasser von den Hauptläufen der Flüsse an diejenigen Felder gebracht werden konnte, die auf natürliche Weise nicht mehr erreicht werden konnten.
 
Beide Wege wurden beschritten. Einerseits ging vom Beginn des 3. Jahrtausends an die Zahl der kleinen Landsiedlungen stark zurück, alte und neu entstehende Städte mit Einflusszonen innerhalb ihres Bewässerungsnetzes wuchsen dafür enorm an. Andererseits traten an die Stelle der vielfach verzweigten Wasserläufe der vorherigen Zeit wenige, aber nun gerade Wasserläufe, die man als Kanäle deutet. Als um 2500 v. Chr. die ersten historischen Nachrichten einsetzten, war diese Entwicklung schon so weit abgeschlossen, dass es als fester Bestandteil der Aufgaben der Mächtigen des Landes genannt wurde, sich um den Ausbau des Kanalnetzes zu kümmern. Daneben berichten die zahlreichen überlieferten Verwaltungsurkunden, dass ein offenbar immer größerer Teil der Arbeit in die Pflege der Bewässerungssysteme investiert werden musste. Mehr noch als die relativ seltene Neuanlage größerer Kanäle galt dies für ihre tägliche Pflege. Denn da das extrem geringe Gefälle innerhalb der Schwemmebene das Wasser so langsam fließen ließ, dass sich die gelösten Sedimente leicht absetzen konnten und die Kanalsohle dadurch beständig anwuchs, mussten die großen wie die kleinen Kanäle mindestens einmal im Jahr gereinigt werden.
 
Das eigentliche Problem der frühen Gesellschaft Babyloniens ist daher nicht so sehr die Urbarmachung, das heißt die erstmalige Umgestaltung des Landes mit dem Ziel der landwirtschaftlichen Nutzung. Denn mit den aus den Nachbarregionen bereits bekannten landwirtschaftlichen Techniken, zu denen auch eine einfache Bewässerungstechnik gehörte, und den grundsätzlich günstigen Ausgangsbedingungen waren hier wohl keine besonderen Anfangsschwierigkeiten zu überwinden. Die eigentliche Herausforderung lag vielmehr in der Aufrechterhaltung der agrarischen Nutzung und der Notwendigkeit, eine fortdauernd anwachsende Bevölkerung auf einem Gebiet zu ernähren, das durch den Rückgang der Bewässerungsmöglichkeiten kleiner wurde.
 
Beginnend mit dem Ausbau des Bewässerungssystems in der ersten Hälfte des 3. Jahrtausends bedrohte zudem eine zunehmende Versalzung des Bodens, die vor allem bei der Verdunstung des auf den Feldern stehenden Wassers entsteht, bei der die auch im Süßwasser gelösten Salze zurückbleiben, die landwirtschaftlich genutzten Flächen Babyloniens. Gegen Ende des Jahrtausends wurden schließlich weite Flächen im Süden der Schwemmebene als »versalzen« oder »am Brackwasser« gelegen genannt; von solchen Feldern konnten jedoch nur geringe Erträge erwirtschaftet werden. Als dann am Anfang des 2. Jahrtausends die Bewohner im Norden Babyloniens ihren Vorteil, näher an der Quelle des Wassers zu sein, auszunutzen begannen und neue Kanäle und Verteilersysteme anlegten, kam es zu einer Umverteilung der Kräfte. Der vormals so blühende Süden wurde außerhalb der ehemaligen großen Kultzentren von jetzt an zum Rückzugsgebiet, später dann zum Siedlungsgebiet der nichtsesshaften Stämme der Aramäer und Chaldäer.
 
Prof. Dr. Hans J. Nissen

Universal-Lexikon. 2012.

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